„Das geht bis hin zu Morddrohungen“

Politik 18. 08. 2018

BAHN Längst sind es nicht mehr nur Zugbegleiter, die attackiert werden / Eisenbahngewerkschaft fordert mehr Sicherheitspersonal in den Zügen

FRANK­FURT . Wie kann man das Bahn­per­so­nal bes­ser schüt­zen? Wir spra­chen mit Mar­co Ra­folt, Ex­per­te für Si­cher­heit bei der Ei­sen­bahn- und Ver­kehrs­ge­werk­schaft (EVG) in Frank­furt.

Herr Ra­folt, ha­ben wir ei­ne neue Qua­li­tät der At­ta­cken auf Bahn­per­so­nal?

Be­lei­di­gun­gen, das weiß ich noch aus mei­ner Zeit als Zug­be­glei­ter, ge­hör­ten im­mer zum be­ruf­li­chen All­tag hin­zu. Doch mitt­ler­wei­le wird das Per­so­nal nicht mehr nur be­lei­digt, son­dern auch be­droht. Das geht bis hin zu Mord­dro­hun­gen. Die Zahl der Kör­per­ver­let­zun­gen ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren stark an­ge­stie­gen. An­ge­grif­fen wer­den auch Lok­füh­rer, Fahr­dienst­lei­ter oder Ser­vi­ce­per­so­nal an den Bahn­hö­fen. Lok­füh­rer be­rich­ten, dass sie be­spuckt wer­den. Bei tech­ni­schen Män­geln, Stö­run­gen oder Un­wett­ern sind die Zug­be­glei­ter ei­ner Si­tua­ti­on von Jetzt auf Gleich aus­ge­setzt. Die Zü­ge sind ge­ra­de im Fern­ver­kehr teils ma­ro­de und die Stre­cken völ­lig über­la­stet.

Wer sind die An­grei­fer und Tä­ter?
Das zieht sich durch al­le ge­sell­schaft­li­chen Schich­ten. Das reicht vom „ein­fa­chen“ Fahr­gast bis hin zum Men­schen in der Er­sten Klas­se, der meint, mit sei­nem Ti­cket den gan­zen Zug ge­kauft zu ha­ben. Die Ge­fahr ist nicht mehr klar zu er­ken­nen. An­grif­fe kom­men teil­wei­se aus dem Nichts. Nach un­se­ren In­for­ma­tio­nen kom­men die meis­ten At­ta­cken von Schwarz­fahr­ern. Ge­folgt von Men­schen mit psy­chi­schen Er­kran­kun­gen, was uns selbst über­rascht hat. Ein Bei­spiel aus Ham­burg: Ei­ne psy­chisch la­bi­le 17-Jäh­ri­ge tritt ei­nen 40-jäh­ri­gen Mann, der auf der Trep­pe sitzt, un­ver­mit­telt ins Ge­sicht. Das fragt man sich: Was ist da drau­ßen denn los?

Müss­te wie­der mehr Po­li­zei an den Bahn­hö­fen sein?
Durch die Ver­la­ge­rung von Bun­des­po­li­zei an die Gren­zen in Fol­ge der Flücht­lings­kri­se fehlt das Per­so­nal an den Bahn­hö­fen. Wir ha­ben Rück­mel­dun­gen aus der Bun­des­po­li­zei, dass die­se die Si­cher­heit des Schie­nen­ver­kehrs über­haupt nicht mehr si­chers­tel­len kann. Das be­trifft so­wohl die Ter­ror­ge­fahr als auch die „All­tags“-Kri­mi­na­li­tät.

Wie kann man Zug­be­glei­ter und an­de­res Per­so­nal bes­ser schüt­zen?
Zu­erst ein­mal bräuch­ten wir Da­ten. Die Deut­sche Bahn ist im Ver­gleich mit an­de­ren Un­ter­neh­men fast schon vor­bild­lich. Die pri­va­ten Un­ter­neh­men ver­schwei­gen das The­ma lie­ber. Wir müs­sen wis­sen, wo die Pro­blem­be­rei­che sind – Stre­cken, Zei­ten – um rea­gie­ren zu kön­nen. Un­ser Vor­schlag wä­re, die Dienst­plä­ne so zu ge­stal­ten, dass in der eher un­pro­ble­ma­ti­schen Zeit, et­wa zur Rush Hour mor­gens, Zug­be­glei­ter run­ter­ge­nom­men wer­den und bei­spiels­wei­se abends Zü­ge dop­pelt be­setzt wer­den. „Pfef­fer­spray“ – oder bes­ser Tier­ab­wehr­gel – kön­nen Zug­be­glei­ter bei der DB Re­gio AG be­reits bei sich füh­ren, wenn die­se das wol­len und recht­lich ge­schult sind. Wir for­dern auch den Ein­satz von Bo­dy­cams. Wir brau­chen de­fi­ni­tiv mehr Si­cher­heits­per­so­nal. Das muss schon bei der Aus­schrei­bung von Ver­kehrs­leis­tun­gen be­rück­sich­tigt wer­den.

Das In­ter­view führ­te Mar­kus Lach­mann, Quelle Wormser Zeitung vom 18.08.2018

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